Mirko Schallenberg

Mirko Schallenberg

Vita

1967
geboren in Northeim
1989
Studium Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
1995
Gründung der Malergruppe Konvention
1997
Diplom Freie Kunst
1998
Meisterschüler Meisterschüler bei Prof. Hermann Albert
Stipendium Künstlerhaus Meinersen
2000 – 2002
Gründung der Produzentengalerie Konvention, Berlin
2002 – 2005
Gründung des Kunstvereins Blauer Salon e.V., Berlin
seit 2016
Lehrauftrag an der Akademie für Malerei, Berlin
Mirko Schallenberg lebt und arbeitet in Berlin

Publikationen

2014
„Dingfest“, Galerie Friedmann-Hahn, Hrsg. Art In Flow Verlag, Berlin
2012
„still in motion“, Hrsg. Galerie Friedmann-Hahn, Berlin

Einspruch gegen den ersten Eindruck

23.04.2019

Äpfel, Federn, Gläser, Äste, ein Backstein, Krüge, Lineale, hier ein Löwenzahn, dort ein Messer – arrangiert zu Gefügen und Kompositionen. Die Werke von Mirko Schallenberg scheinen auf den ersten Blick ganz vertraut: Stillleben eben. Doch wer einen zweiten Blick wagt, den erfüllt Verunsicherung. Und die ist rätselhaft schön!

Mirko Schallenberg / GALERIE VON&VON / Künstler Stillleben Berlin
Foto: Eva Karl / ideclarecolors.com

„Ich möchte, dass man seinen Augen trauen kann, dass man auf seine Sinne, sogar auf das eigene Unterbewusstsein vertrauen kann.“ Wenn ein Maler so etwas sagt, dann ist das eine Einladung, seine Werke erst einmal ganz unvoreingenommen zu betrachten – und nicht gleich nach Bedeutungsebenen oder Zitaten zu fahnden.

Schallenbergs Bilder versammeln Fundstücke. Alltagsdinge. Also Gegenstände, die man selbst im Haushalt hat, oder sich zumindest in Reichweite befinden. Gläser, Holzplatten, Krüge, Äpfel, Birkenäste. Fast schon entrückt erscheinen die Gegenstände im Deutungshorizont unserer modernen Welt der digitalen Artefakte. Detailreich gemalt und mit einem Farbauftrag, der nicht nur Kolorit erzeugt, sondern auch die Oberfläche der Leinwand mal rau oder gar erhaben modelliert. Gegenständlicher kann Kunst kaum sein.

Wie eine Art Kurator sammelt der Künstler Dinge und bewahrt sie in einem Magazin in seinem Atelier, das sich weitläufig in einer Berliner Industrieetage erstreckt. Das Gebäude diente früher als Werkstätte für Polstermöbel.Wo industrielle Fertigung pulsierte, werden nun Kombinationen aus einfachen Dingen zu Bildern. Stück für Stück arrangiert Schallenberg die Objekte, probiert Konstellationen, verwirft und entscheidet.

Wie die Räume entstehen

Die Objekte, die Dinge sind da. Was Schallenberg dann erschafft, sind zunächst einmal Räume. Ein Karton, eine Holzkiste, zwei Spiegel, eine getünchte Wand. Kulissen? Nicht ganz, denn die Räume selbst treten in Aktion zu den Dingen. Da lehnt eine Farbpalette an einer Wand oder fängt den Schatten ein, den ein Nachtfalter wirft. Dann kommt der nächste Schaffensmoment: Schallenberg stapelt eben nicht einfach die Objekte – sondern bringt sie in Beziehung zueinander. Auf Tonkrügen balancieren Holzplatten, die wiederum Standort für Gläser oder weitere Krüge werden, ein Ast liegt an einem Buch an oder eine Schnur senkt einen Apfel in die Bildhälfte.

Nicht zuletzt durch das Obst, das mit im Spiel ist, drängt sich dem Betrachter eine Genrezuordnung auf: Stillleben. Also Gemälde, die Eindeutigkeit ausstrahlen und ein Garant für Verlässlichkeit und Stabilität sind. Die Objekte ruhen förmlich – und zeugen doch von Vergänglichkeit. Jede noch so schöne Blüte wird welken, jeder Apfel fault mit der Zeit. So absurd es klingt: Dort, wo etwas still ist, wird seine Vergänglichkeit umso deutlicher.

Ausbruch aus dem Genre

Unverdächtig. Leise. Vielleicht sind es diese Zuschreibungen, weshalb das in den letzten Jahrzehnten das Stillleben fast schon von der Kunst der Gegenwart vergessen wurde. Karlauernd könnte man sagen: Um das Stillleben ist es still geworden. Aber so leicht machen es einen die Stillleben von Mirko Schallenberg wiederum nicht. Sie halten sich schlichtweg nicht an genregerechte Vereinbarungen, erfüllen die voreilige Stillleben-Erwartung einfach nicht. Denn beim genauen Hinsehen geben sie Risse preis, neigen zu Instabilität. Da ist ein Tonkrug, der kurz vor dem Springen ist. Die Erdbeere liegt nicht mehr auf dem Holzbrett, sondern ist schon halb im Fallen. Der Kerzendocht spendet noch etwas Rauch, aber ist schon fast kalt.

Was auf dem ersten Blick so ruhend und fest gefügt wirkt, ist ganz anders zu sehen. Die Werke zeigen gar keine festen Situationen, die dem Zahn der Zeit preisgegeben sind. Sie zeigen nichts als Augenblicke und Situationen, die kaum vergänglicher zu denken sind: Von einem Moment auf dem nächsten könnten sie anders sein. Ein Holzscheit kippt und bringt ein Glas ins Fallen. Das Gefüge? Komplett über den Haufen geworfen. Von einem Moment zum anderen. Es ist ein Spiel mit Stabilität und Unstabilität, mit dem Ungewissen und dem Vertrauten.

Keine falschen Versprechen

Doch mit dieser Verunsicherung ist es nicht genug. Denn Schallenberg verschärft sein Spiel mit der Zeit und dem Moment noch weiter. Äste tragen Knospen, saftiges Grün, trockenes Laub und kahle Zweige zugleich – nur wenige Zentimeter entfernt finden auf der Leinwand sämtliche Jahreszeiten statt. Entstehen, Werden, Vergehen: gleichzeitig. Doch so absurd es klingt: Eine solche synchrone Diachronie verunsichert nicht, sondern sorgt für Demut: Es gibt nunmal einen Lauf der Dinge, der nicht aufzuhalten ist. Alles Leben wird einmal sterben.

Für mich macht den Reiz der Kunst von Mirko Schallenberg aus, dass sie hochrealistisch ist. Nicht nur künstlerisch mit ihrer Gegenständlichkeit und meisterhaften Ausführung; sondern auch konzeptionell: Weil sie das Vanitas-Motiv, also die Erinnerung an die Vergänglichkeit des Seins, auf die Spitze treiben. Augenblicke mischen sich mit Lebenskreisen. Schallenbergs Stillleben brauchen keine doppelten Böden oder komplizierten Verrenkungen. Sie legen sich auf Klarheit fest: Nicht nur das Leben ist vergänglich. Jeder Augenblick ist es.

Das Stillleben im 21. Jahrhundert

Dr. Harry Lehmann, Philosoph
22.11.2017

I DECLARE COLORS Mirko Schallenberg / Was der Künstler in Berlin im Interview über Stillleben im 21. Jahrhundert zu sagen hat ...
Foto: Eva Karl / I DECLARE COLORS

Die Dinge gewinnen – in einer ganz bestimmten Konstellation, die es zu finden gilt – selbst eine Stimme: Im Zeitalter der virtuellen, simulierbaren Welten verlieren die Gegenstände endgültig ihre sinnliche Präsenz. Sie werden zu abstrakten Zeichen in jenen technisierten Lebensräumen, in denen der Mensch heute sein Dasein fristet. Die Vergrößerung der Gegenstände vergrößert ihre Dignität. Der Kontrast von Gegenstand und Hintergrund steigert die sinnliche Präsenz ihrer ansonsten unscheinbaren Oberflächen. Und der matte Farbton, der auf allen Farbflächen gleichermaßen liegt, lässt die Dinge zur Ruhe kommen, als ob der ewige Friede über ihnen liegt.

Abgedunkelt gegen jedes Kunstlicht, das aus unserer Lebenswelt dringen mag, beginnen die Gegenstände im Bild in ihrem eigenen Licht zu schimmern. Schallenbergs Bilder gehen einer sehr alten philosophischen Frage nach, der Frage nach dem Sein. Und wie bereits die antike Philosophie scheinen auch diese Bilder auf eine Verlusterfahrung zu reagieren, auf den Verlust der magischen Welt, in welcher die Dinge lebendig zu den Menschen gesprochen haben, wie man sagt. Insofern gehört diese Malerei einer kulturkritischen Tradition an, die sich durch die gesamte Geistesgeschichte Alteuropas zieht. Allerdings wäre dies, gemessen am Anspruch zeitgenössischer Kunst, zu wenig; zu sehr wiederholte diese Malerei in einer Reihe gleichförmiger Bilder das Mantra der Seinsvergessenheit.

Doch das gemalte Bild gibt nicht die Wirklichkeit wieder, wie sie ist, sondern sie stellt sie in genau diesem besonderen Aspekt heraus, und dieser Idee dienen auch die Vergrößerungstechnik, die Hintergrundgestaltung und die Farbgebung der Bilder, also all das, was diese eigenwillige Kunst begründet.

Einzelausstellungen

2019
„Nexus“, Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2018
Galerie Barbara von Stechow, Frankfurt/Main
„Berliner Realismus“, Galerie Cyprian Brenner, Schwäbisch Hall
2017
„Mit dem zweiten Blick“, Galerie Lauth, Ludwigshafen
„Nexus“, GALERIE VON&VON, Nürnberg
2016
Hallescher Kunstverein, Halle
Artgeschoss, Internationale Kunstausstellung, Braunschweig
Kunstmuseum Bad Frankenhausen
2015
„Lauf der Dinge“, Galerie Meier, Freiburg
2014
„Dingfest machen“, Emslandmuseum, Sögel
„Geometrie der Dinge“, Kunstverein Kirchzarten
2013
Städtische Galerie Petershagen
2012
„Otto Dix aus der Privatsammlung Gunzenhauser und großformatige Malerei aus Berlin“, Stadtgalerie Altötting, Leipzig, München
Galerie Meier, Freiburg
2009
„Das Leben der Dinge“, Gotisches Haus, Berlin
Galerie Artforum, Hannover
2008
„still in motion“, Galerie Schmalfuss, Marburg
2007
„Das Leben der Dinge“, Galerie Open, Berlin
„Kubus“, Galerie von Zufall und vom Glück, Hannover
2006
Kunstmesse Karlsruhe, Galerie Artforum, Hannover
2005
Kunstverein Blauer Salon, Berlin
Galerie Artforum, Hannover
Kunstmesse Karlsruhe, Galerie Artforum, Hannover

Gruppenausstellungen

2019
„tierisch gut“, Galerie Root, Berlin
2018
„Accrochage“, Galerie Falkenberg, Hannover
„Komplizen“, Galerie Falkenberg, Hannover
„Kunstessenzen“, Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2017
„11 in 4“, GALERIE VON&VON, Nürnberg
„Double Act“, Galerie Brötzinger Art, Pforzheim (zusammen mit Kathrin Rank)
„Best of I & II“, Galerie Cyprian Brenner, Schwäbisch Hall und Hüttlingen-Niederalfingen
„Still alive“, Galerie Schmalfuss, Berlin
Galerie Lauth, Ludwigshafen
2016
Art.Fair, GALERIE VON&VON, Köln
„Malverwandtschaften“ Kunsthistorisches Museum Stralsund
Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2015
„Lauf der Dinge“, Galerie Meier, Freiburg
„Kerngebiete“, Galerie Schmalfuss, Marburg
„Beziehungsweise“, Kunstverein Heidenheim
Galerie Schmalfuss, Berlin
2014
„Behausung“, VBK, Berlin
2013
Städtische Galerie Petershagen
„PArt3“, Petershagen
2012
„Behausung“, VBK, Berlin
„Wenn die Malerei den Dingen lauscht“, Kunstverein Schöningen
„Von Dingen und Räumen“, Kunstverein Herrenhaus Heinrichsruh
Galerie Töplitz, Werder
Kunstverein Freiburg
Losito Kunstpreis, Großes Waisenhaus zu Potsdam
Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2011
„Z50“, Hotes-International Fine-Art, Projektraum, Freies Museum Berlin
Kunstverein Aschau
Galerie Schmalfuss, Marburg
„still in motion“, Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2010
Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
2009
„still in motion“, Galerie Friedmann-Hahn, Berlin
Künstlerhaus Meinersen

Über das Wesen der Dinge im 21. Jahrhundert

"Ich versuche den Weg zum Kern der Dinge einzuschlagen."

Blog-Interview mit Mirko Schallenberg auf I DECLARE COLORS