10.05.2016 - 10.07.2016

Asiens Meisterschüler

Ryo Kato & Yoon Chung Kim

Ryo Kato

Es ist eine düstere Stimmung, die der gebürtige Japaner Ryo Kato in seinen Bildern darstellt. Der Künstler, der von 2001 bis 2005 an der Universität der Künste in Berlin bei Wolfgang Petrick studierte und seine künstlerische Ausbildung 2006 als Meisterschüler bei Daniel Richter abschloss, widmet sich einem Themenspektrum, das einen deutlichen Einfluss seiner Lehrer zeigt.

Als „Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt durch die von ihm selbst geschaffenen Dinge“ beschrieb der Kunsthistoriker Eberhard Roters das Grundanliegen von Petrick seit den 1960er Jahren. Diesen Ansatz präzisiert Kato mit Blick auf den Menschen und sein Verhältnis zur Natur: schrumpfende Wälder, die Minimierung grünsaftiger Weideflächen, eine wachsende Dominanz elektronischer Geräte ebenso wie das zerstörerische Machtstreben der Industrienationen sind Beispiele für die hoffnungslose Entzweiung.

Doch dringt das zutiefst gesellschaftskritische Anliegen der Gemälde Katos nicht auf den ersten Blick in das Bewusstsein der Betrachter. Man taucht vielmehr Schritt für Schritt in die komplexen Bildstrukturen ein. Zunächst stehen scheinbar abstrakte Formengefüge aus einer Farbpalette von schrillen Pop Art-Tönen im Vordergrund. Mit der sukzessiven Entdeckung der figurativen Elemente kippt diese lebensbejahende Assoziation in eine nach Aufmerksamkeit schreiende, apokalyptische Aggressivität. Die sich überlagernden Formen verdichten sich zu Collagen, die an den Rand zu drängen scheinen und den Blick freigeben auf Bildmotive, die teils zeichnerischen Charakter haben, teils auf fotografischer Vorlage basieren. Bei genauerem Hinsehen treffen hier nicht nur inhaltliche Extreme – der industrialisierte Mensch und die unberührte Natur – aufeinander, sondern auch zwei völlig unterschiedliche Malstile: Der eine kraftvoll, dynamisch, wie ein Aufschreien, das sich in kräftigem Pinselduktus äußert; der andere an der Grenze zum Fototapetenrealismus, in den Farben so überzogen, dass die Darstellung ins Traumhafte, Unwirkliche rückt. In dieses Abwiegen von Kraft und Ruhe, Hell und Dunkel, Aggressivität und Idylle mischt sich letztlich auch eine Prise ostasiatischer künstlerischer Prägung, die vor allem in den Zeichnungen deutlich zutage tritt.  Man bekommt eine ungefähre Ahnung davon, wie der junge Künstler Ryo Kato aus einem kleinen Dorf inmitten der Präfektur Okayama in die Großstädte Tokyo, später auch Paris und Berlin kam und wie ihm dort der unwiederbringliche Verlust der Natur zur Herzensangelegenheit wurde.

 

Yoon Chung Kim

Yoon Chung Kim ist in Korea geboren und seit 2015 Meisterschülerin unter Prof. Kühn an der Kunstakademie Nürnberg.

Im Jahr 2010 nahm Yoon Chung Kim ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg auf. Zunächst besuchte sie die Bildhauerei-Klasse bei Ottmar Hörl. Anschließend wechselte sie in die Malklasse von Ralph Fleck und Susanne Kühn und wurde 2015 zur Meisterschülerin ernannt.

Die Themen der Gemälde von Yoon Chung Kim kreisen auf philosophische Weise um das menschliche Leben, dem mit dem Körper ein visueller Rahmen gegeben ist. Die Künstlerin beschreibt diese Vorstellung als Lebendigkeit im Wechselspiel von belebten und unbelebten Körpern, von Mensch und Tier. Da stehen den Darstellungen von kleinen Kindern Gemälde von Puppen gegenüber, scheinbar menschliche Gestalten, die jedoch in der stereotypen Wiederholung ihre Leblosigkeit offenbaren. Bei anderen handelt es sich um zerbrochene Puppenkörper, die – ihrer Menschen imitierenden Funktion beraubt – neue Wahrheiten formulieren. Der Übergang von Leben zu leblosem Körper scheint in den Bildern Yoon Chung Kims immer nur ein schmaler Grat. Durch den grob gesetzten Pinselstrich entziehen sich die Figuren dabei einer exakten Identifizierung. Selbst da, wo sie dem Betrachter entgegenblicken, formulieren ihre Gesichter eine Leerstelle.

Yoon Chung Kim setzt ihre Figuren häufig auf monochrome Farbflächen. Gleichwohl dieser nie flach ist und die Übergänge zwischen Bild und Grund nicht scharf gezogen sind, tritt der die Figuren umgebene Raum nur mehr als Farbraum in Erscheinung. Derart von ihrem räumlichen Kontext isoliert, rücken sie noch eindringlicher in den Fokus der Betrachtung. Auf diese Weise moduliert Yoon Chung Kim die Körper gewissermaßen aus der Fläche heraus. Und so sind ihre Werke auch immer eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Malerei: Mit der Farbe als Material, das auf dem zweidimensionalen Bildträger aufgetragen wird und aus dem Dreidimensionales erwachsen kann. Mit dem Malen als Übersetzungsprozess intensiver Beobachtung.
— Susann Scholl, Kunsthistorikerin (M.A.)