01.09.2015 - 30.11.2015

Licht & Farbe

Licht & Farbe gehören zusammen. Sie verhalten sich wie Henne und Ei. Doch es stellt sich nicht die berühmte Frage, was früher da war – die Henne oder das Ei. Nein, die Farbe ist das Ei, das es ohne die Henne, das Licht, nicht gäbe. Mit einem Prisma kann man das weiße Licht der Sonne […]

Licht & Farbe gehören zusammen. Sie verhalten sich wie Henne und Ei. Doch es stellt sich nicht die berühmte Frage, was früher da war – die Henne oder das Ei. Nein, die Farbe ist das Ei, das es ohne die Henne, das Licht, nicht gäbe. Mit einem Prisma kann man das weiße Licht der Sonne in eine Vielfalt von Farben zerlegen, auf unserer Netzhaut sind Zapfen und Stäbchen für den Empfang dieser Sinnesempfindung verantwortlich. Insofern ist die Reihenfolge im Ausstellungsmotto ganz richtig gewählt. Gunda Förster und Josef Hirthammer stehen für das eine und für das andere. Doch nicht jeder von beiden steht unbedingt für beides im gleichen Maß, gleichermaßen für Licht wie für Farbe. Daher will ich gar nicht erst versuchen, die beiden Positionen miteinander zu vergleichen. Sondern ein paar Erläuterungen zur einen und dann zur anderen künstlerischen Position machen.

Lassen Sie mich mit Josef Hirthammer beginnen, ganz einfach deshalb, weil seine Position vielleicht eingängiger ist in dem Sinne, dass sie vertrautere Muster anspricht. Denn hier hängen Leinwandbilder, etwas, was man mit dem Begriff Kunst unmittelbar und problemlos assoziiert.

Josef Hirthammer ist Jahrgang 1951. Gebürtig in Bad Reichenhall, lebt er schon viele Jahre in Franken. Würden Sie sehen, was er alles produziert, dann hielten Sie meine Behauptung, seine Produktion sei eingängiger, für ziemlich fragwürdig. Denn dann würden Sie Fotografie und  sog. Digital Painting sehen, Objektkunst und Skulpturen, Gegenständliches und Figürliches und Hochabstraktes, Kunst mit Natur und gestische Malerei. Als Publikum mögen wir es sehr, wenn ein Künstler für ein klassifizierbares Statement steht – für ein Material, ein Genre, eine künstlerische Richtung. Allerdings besitzt das Künstlerische bekanntlich nicht ein bestimmtes Medium per se. Das Künstlerische sucht sich vielmehr sein passendes Medium. Josef Hirthammer hat ein großes künstlerisches Ego. Und er will sich mit sich selbst nicht langweilen. Beides zusammen ist wohl Hauptursache dafür, warum er sich zeitlebens immer wieder ein neues Medium sucht, als da wäre die Arbeit an Plastiken, die Arbeit mit und an der Natur, die Arbeit mit Beton und Wachs, die Arbeit mit der Acrylfarbe und der Leinwand, Figuration, Narration oder freies Experimentieren.

Hier und heute zeigt er ein Ensemble aus gegenstandsfreien Bildern, in denen er seine Spielfreude mit und an der Farbe auslebt. Wir müssen uns auf seine Bilder einlassen ohne das Hilfsmittel sprechender Titel. Nur ein empathisches Schauen hilft: Dann erleben wir, wie die Farben bei Hirthammer tänzeln, wie sie interagieren und sich gegenseitig steigern.

Das Bild „Grau mit Struktur“ ist bspw. nicht grau. Die hellere, ungrundierte Leinwand wirkt wie Einsprengsel in einen warmen, dunkleren Fond aus Grau, doch dazwischen blinken rote, rot-orange, gelbe, gelb-grüne Splitter. Das grüne Bild (Nr. 24) ist nicht monochrom. Eine reliefhafte Struktur aus karmesinroten Pünktchen sitzt, als wären es Reste von Blindenschrift, im Zentrum des kleinen Formats. Der Grund dafür ist, dass diese Farbe von hinten in die Leinwand eingearbeitet ist. Ganz subtil geht Hirthammer über den flachen, zweidimensionalen Malgrund hinaus. Dagegen ist in die rot-orange Farbe des anderen fast monochromen Bildes (Nr. 41) eine Struktur eingeritzt, ich nehme an mit dem Pinselstiel, die das untermalte Blau zum Vorschein bringt, einen komplementären Farbton.

Diese Bilder aus den Jahren 2013, 2014, 2015 spielen auf unterschiedliche Weise mit unserer Wahrnehmung: Da sind die hellen Einsprengsel, die ganz vorne zu liegen scheinen, tatsächlich aber der Farbigkeit des Hintergrunds geschuldet sind. Das, was reliefhaft erhaben ist, ist nicht als oberste Farbschicht aufgebracht, sondern wurde von hinten in die Leinwand eingerieben. Auf der anderen Seite gibt es Beispiele, bei denen Farbkleckse fett-pastos auf der neo-tachistischen Malerei liegen, als sei eine Packung Smarties auf die feuchte Leinwand gefallen. Überrascht erfährt man vom Künstler bei anderen Bildern, dass die Farbigkeit der Farbfelder, die in manchen Beispielen wie in zufällig lockerer Reihung eine Fläche gliedern, sich ableitet von der systematischen Untersuchung ausgestorbener Wildblumen, aus denen er sich eine Farbskala erstellt hat.

Hirthammer ist kein Maler, der ein System aufbaut, das er dann Bild für Bild verfolgt und geduldig jahrelang durchspielt. Für ihn ist die Leinwand sein Aktionsraum. Und mit immer neuen Variationen lässt er für den Betrachter die Farben, ihre Modulation und ihre Interaktion erlebbar werden. So verwandelt er Leinwände in Energiezentren, die blinken und leuchten und uns auffordern, mit unseren Augen davon zu kosten. Der Anschauungsraum ist das Rechteck der Leinwand, das visuelle Feld hingegen ist die Farbe. Die Farbe, die immer begleitet wird von anderen Farben. So bringt er die Leinwand zum Vibrieren, den Bildträger, der für ihn zu so etwas wird wie einem Prisma. Hirthammer zeigt uns Spielarten der gestischen Abstraktion mit den Farben als Kinder des Lichts. Oder noch einmal anders formuliert: Die chromatische Malerei ist für Josef Hirthammer Basis für das Ausleben seiner kreativen Verspieltheit, die er unbekümmert von der Leine lässt.

Die kleinen Betonstelen mit dem Wachsabschluss funktionieren als Gegensatzpaare: Dem harten Material ist das weiche beigegeben. In ein und derselben Form gegossen, geht das eine nahtlos, aber unregelmäßig, in das andere über, und das Grau der Stele fängt im oberen Drittel an zu schillern, als sei sie von einem Zauberstab berührt worden und mache uns zu Zeugen einer Verwandlung von schwer zu leicht, von unbunt zu bunt. Für den Künstler haben die Materialien zudem eine symbolische Bedeutung. Der Beton steht bei ihm für Fortschritt, vom Menschen gewollt und beherrscht, das Wachs dagegen steht für die unberechenbare, veränderbare Natur.

Kommen wir von der Farbe auf das Licht als deren Ausgangspunkt, das als Kunstlicht ganz im Mittelpunkt der künstlerischen Untersuchungen von Gunda Förster steht:

Gunda Förster, Jahrgang 1967, wurde in Ostberlin geboren. Sie lebt nach wie vor in Berlin. Seit diesem Jahr hat sie eine Professur an der Hochschule in Wismar für „Kunst im Kontext von Architektur und Design“[1]. Beim Stichwort Kunst und Design, das hier in Nürnberg als Thema ja virulent ist mit dem Museum für Kunst und Design, werden wir hellhörig. Es gibt Buchtitel, die feiern die Grenzüberschreitungen mit dem Titel „Kunst und Design: Eine Affäre“, andere formulieren harsch „Design ist keine Kunst“.   Aber wie auch immer, beim Begriff Design sind wir bereits bei der ersten und zugleich neuesten Arbeit, den drei Leuchtobjekten aus geschichtetem Acrylglas. Vielleicht muss man die Augen etwas zusammenkneifen, den Blick auf Unschärfe stellen, um zu erahnen, woher die Formen stammen. Die Leuchtobjekte haben die Form von Seifenblasen, dem Faszinosum aus Kindertagen. Die Seifenblase, absolut flüchtig, wird im Acrylglasobjekt ‚auf Dauer gestellt‘, ihre prinzipiell kurze Lebenszeit quasi unendlich verlängert. Die Künstlerin sagt in einem Statement zu dieser Arbeit, dass in einer Zeit permanenter Grenzüberschreitungen der Gattungsgrenzen von Architektur, Design und Bildender Kunst in erster Linie der Kontext darüber entscheidet, als was etwas gesehen wird. Sie schreibt: „Design oder Architektur im Kunstkontext wird als Kunst wahrgenommen und Kunst im angewandten Kontext als Design.“

Gunda Förster hat sich ursprünglich in den 1990er Jahren ausgiebig mit ‚Malerei nach der Malerei‘ beschäftigt, indem sie über die möglichen Medien reflektierte, mit denen man als Künstlerin jenseits des klassischen Tafelbildes eine malerische Position vertreten kann, mit anderen Worten Malerei ohne Pinsel und Keilrahmen. Bekannt geworden ist sie jedoch vor allem als Medienkünstlerin mit großen Lichtinstallationen, bei denen sie mit Leuchtstoffröhren Stimmungen, oder besser: Stimmungsräume erzeugt. Eine der jüngsten derartigen Arbeiten (aus 2012) ist eine permanente Installation in einem unterirdischen Verbindungsgang zweier Parlamentsgebäude in Berlin mit dem schlichten Titel „Tunnel“. In ungleichen Abständen sind Neonlicht-Bögen wie Tore hintereinander gestaffelt, die ein sonnengelbes Licht verbreiten und aus einem reinen Zweckbau so etwas wie eine Bühne oder eine quasi horizontale Varietetreppe machen. Die Tristesse des fensterlosen Raumes wird aufgehoben durch das festliche Licht. Interessant ist ja die Tatsache, dass Licht alles verändern kann, ohne etwas zu zerstören – wer also die Tristesse des unterirdischen Verbindungsganges wiederhaben möchte, braucht nur die Leuchtröhreninstallation abzuschalten!   Hier in der Ausstellung zeigt Gunda Förster nun zwei Paarungen von Video und Leuchtschrift qua Neonschrift-Objekten: einmal die Gegenüberstellung des Schriftzugs Augenblick und eines Loops mit dem Titel „emerge“ (engl. Verb für auftauchen, entstehen), zum andern die Gegenüberstellung des Schriftzugs Magie und eines Loops mit dem Titel „drops“ (Regentropfen). Die vier eigenständigen Arbeiten, in verschiedenen Jahren entstanden, verschränken sich kreuzweise.

Das Wort Augenblick hat ebenso wie das Wort Magie einen poetischen Bedeutungshof. Die Konkrete Poesie, vor 65 Jahren in erster Linie von Eugen Gomringer etabliert, hat immer mit solchen Tatsachen gearbeitet. Man musste nur, wie Gomringer es tat, die Worte „Baum-Haus-Kind-Hund“ aufschreiben und permutieren, und schon entstanden im Kopf des Lesers Geschichten. Und woran denken wir nicht alles, wenn wir in Schreibschrift (es handelt sich übrigens um die Handschrift Gunda Försters) Augenblick oder Magie lesen? Wir denken an den Kairos, den als Gott personifizierten glücklichen Moment – den wir ergreifen oder verpassen. Wir denken an vielleicht wortarme, dafür emotionsgeladene Begegnungen, Auge in Auge. Wir denken bei Magie an eine innere Berührung oder an Taschenspielertricks. Und sehen hier in der Schau, wie offensichtlich eine unsichtbare Hand einen unleserlichen Schriftzug schreibt. Die Erinnerung an das drohende „Mene, mene, Tekel, U-pharsin“, das dem König Belsazar im Alten Testament an der Wand seines Königssaals aufscheint, liegt auf der Hand. Wir sehen in Försters Loop „emerge“ nie ganze Buchstaben, sondern nur tanzende Buchstabenpartikel, etwa so, wie wenn jemand mit einer Taschenlampe in die Luft schreibt. Man kann, wenn man sehr konzentriert ist, lesen, was da mit Licht geschrieben wird und fast im selben Moment verlöscht, muss es aber nicht lesen können – meint die Künstlerin. Aber ich darf es Ihnen verraten: Die Wendung (eigentlich ein Gedicht) lautet: „zeitloses Licht – vergessene Bilder / zeitlose Bilder – vergessenes Licht“.

Das, was beim Sehen des Videoloops passiert, ist das, was der dauerhafte Schriftzug gegenüber sagt – und auch wieder das Gegenteil. Der Augenblick ist eingefroren, aber dafür ist das, was eigentlich aufgeschrieben wird, um zu überdauern, im Nu vergangen. Eine Arbeit verweist auf die andere, eine Arbeit erklärt eine andere.

Beim Betrachten des Loops „drops“ kommt derselbe Mechanismus in Gang: Wer geduldig schaut, kann 20 Minuten lang unterschiedliche Regentropfen auf einer Glasscheibe auftreffen und herabrinnen sehen. Dazu gehört das Rauschen des Regens. Obwohl beides, Bild wie Geräusch, irgendwie irreal wirkt, ist das keine künstlich am Computer generierte Sequenz. Die reale Aufnahme wurde lediglich leicht gedehnt. Dass es hier weniger um den Regen als ein physikalisches Phänomen geht, als vielmehr um Erlebnis-Zeit, um persönliche, innere Zeit, dürfte klar sein. Wer sich auf den Loop einlässt, dem dehnt sich die Zeit, dessen Blick de-fokussiert förmlich bei der Verfolgung der einzelnen Tropfen und der wird dadurch ruhig. Man spürt: Das Beobachten ist kontingent – man kann der Bahn der Tropfen folgen, man kann alle Tropfen betrachten, aber man muss nicht! Und dieses kontingente, beobachtende Schauen bekommt etwas Magisches. Magie ist, wenn der Augenblick aus verdichteter Zeit gedehnt wird. Das ist so klar und so paradox wie das Zitat von Gunda Förster, das ich in einem ihrer Kataloge aus dem Jahr 2005 gefunden habe: „Ich finde mich nur, wenn ich das ansehe, was ich nicht bin.“

Hans-Peter Miksch, Leiter der städtischen ‚kunst galerie fürth‘