28.02.2016 - 30.04.2016

S. Herzau & C. Schroeder

Sebastian Herzau Sebastian Herzau, 1980 in Schönebeck geboren, hat an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Malerei studiert und lebt und arbeitet in Magdeburg. Seine Serie „The great Below“ zeigt Portraits junger Menschen, die den Großteil des Lebens noch vor sich haben. In den zarten Tönen seiner sehr reduzierten Farbpalette wie durch einen Nebelvorhang, wie durch […]

Sebastian Herzau

Sebastian Herzau, 1980 in Schönebeck geboren, hat an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Malerei studiert und lebt und arbeitet in Magdeburg.

Seine Serie „The great Below“ zeigt Portraits junger Menschen, die den Großteil des Lebens noch vor sich haben. In den zarten Tönen seiner sehr reduzierten Farbpalette wie durch einen Nebelvorhang, wie durch einen Wasserschleier hindurch blicken die Gestalten auf den Betrachter. The great below. Das große, das großartige Dahinter. Die Dargestellten werden nicht weiter benannt. So genügt diese knappe Angabe auch, um den Betrachter anzuregen, sich seine Gedanken zu machen, vielleicht sogar ein Déjàvu zu erleben und jemanden vermeintlich zu erkennen. Die Portraits schöpft Herzau aus kurzen Begegnungen und flüchtigen Bekanntschaften und vermag so selbst das Rätsel des für ihn bald gänzlich unbekannten Menschen nicht zu lösen. Vorsichtig wagt er eine Interpretation der individuellen Aura seiner Modelle und generiert Portraits mit veristischer Aussage. Viel Freiraum, viel Denkraum besteht zugleich für Maler und Betrachter. Gestisch anmutende Hübe mit Spachtel oder Pinselstiel verstärken die Verunklärung des über dem Antlitz liegenden dünnen transparenten Farbschleiers, der wie eine Membran die Informationen über die Dargestellten zu filtern scheint. Ganz bewusst verzichtet Herzau auf Interieurs oder Attribute, um nicht zu viel Hinweise auf das Wesen hinter dem gemalten Portrait herauszugeben resp. zu interpretieren, um sich und dem Rezipienten das Geheimnis in der Tiefe der Darstellung zu erhalten. Herzau ist ein zeitgenössischer Maler, der genau weiß, was seine Vorläufer, die Portraitisten seit der Renaissance bis in die Romantik, Impressionismus und den Fotorealismus der 1960er Jahre hinein geleistet haben. Und durchaus lässt sich feststellen, dass Herzau die Linie dieser künstlerischen Leistungen fortführt und er seine Darstellungen aus der Flut der täglichen Bilder der Masse der Menschen in einen separierten Bereich entrückt. Er entzieht sie dem medialen Rummel und den Megapixeln der virtuellen Welt. Dabei überzeugt er mit klassischem Handwerk. Malerei pur. Die Portraitierten blicken nachdenklich und in sich versunken aus einer atmosphärischen Umgebung hinaus oder sehen bald melancholisch in sich hinein. Momentaufnahmen junger Menschen aus dem Hier und Jetzt. Herzau zeigt die Einsamkeit und die Individualität im Zeitalter der Vernetzung und Kommunikation. Er blickt dabei zurück in der Geschichte der Malerei. Ein postromantischer Ansatz im 21. Jahrhundert.   Seine Gemälde erzielen eine kontemplative Wirkung, manche besonders wegen ihrer Größe. Man kann vor den Werken verweilen und zur Ruhe kommen. Man kann sie lange ansehen, trotzdem ermüden sie nicht. Sie sind nicht modisch, sie sind zeitlos. Herzau sondiert subtil die Interaktion zwischen Bild und Betrachter. Er setzt gerade bei den überdimensionalen Formaten da an, wo die Fotorealisten aufhörten. Jene vermochten die Technik der Fotografie damals zu überholen. Heute kann die digitale Fotografie mit riesigen Datenvolumina in unglaublicher Brillanz und Akkuratesse ebenfalls überlebensgroße Formate erzeugen, jedoch kann sie und auch die virtuelle Welt vieles nicht: Sie kann nicht mit den Unregelmäßigkeiten der Farbkörper spielen, sie kann nicht gestisch mit dem Trägermaterial der Pigmente arbeiten, sie wird im Riesenformat nie so intuitiv erscheinen und körperliche Präsenz zeigen, wie die klassische Malerei dies tut – so wie Sebastian Herzau dies in seinen Werken aus Ölfarben und Leinwand auf großartige Weise vermag.

Barbara Leicht M.A., Kunsthistorikerin

 

Constantin Schroeder

Der 1980 in Hamburg geborene Constantin Schroeder hat schon von Kindesbeinen an eine große Affinität zur Malerei verspürt. Trotzdem hat der heute hauptberufliche Maler Theologie und Philosophie und Kunstgeschichte studiert und nicht Malerei. Lange gegen den ins Blut gelegten Beruf gewehrt, brach es irgendwann aus ihm heraus und er bekannte sich dazu Künstler sein zu wollen. Heute lebt und arbeitet er in Berlin.

Es ist erstaunlich, welche Bildwelten Constantin Schroeder entwickelt. Die Gegenwart mit all ihren Facetten verinnerlicht, lässt er die Düsternis der Welt durch seinen Pinsel fließen. Auch er benutzt meist eine sehr knappe Farbpalette. Der Kolorismus ist nicht sein Ding. Er konzentriert sich darauf Bildräume zu schaffen, die seiner Imagination gerecht und derer des Betrachters habhaft werden. Meist im großen Format umfangen die Szenen mit ihrer eigentümlichen Erzählweise den Rezipienten. Wahrhaft vieles gibt es für jenen zu sehen und zu verarbeiten. Schroeders Werke sind nicht einfach nur irgendwie gut gemalt oder eigen. In bald surrealistischer Manier generiert der Künstler Geschichten, von denen Fetzen in seinem Kopf herum spuken und zeigt Abgründe, Endzeitstimmungen, fast seherisch. Er filtert die tägliche Nachrichtenschwemme durch sein intuitives Imaginationsvermögen und chiffriert Selbsterfahrenes. Schroeder ist ein geschickter Kompositeur und will die Geister, die er rief nicht loswerden, er holt sie in seine Bildräume hinein und löst Erstaunen aus. Er schafft Anmutungen, die der Betrachter schwer entschlüsseln kann. Kunst muss nicht immer nur „the bright side of life“ zeigen, ganz oft und das ist ein hoher Auftrag an sie, zeigt sie die Kehrseite unseres Strebens nach Harmonie. Schroeder greift tief in das Archiv der menschlichen Psyche. In seinen Werken zeigen junge Heroen zwischenmenschliche Rätsel. Die Frage nach der eigenen Existenz und Position und der Freiheit des Ichs wird durch eine rätselhafte Ikonografie transportiert. Auffallend ist in etlichen Werken die weiße Leerstelle, die bald den Eigenlichtcharakter mittelalterlicher Goldgrundmalerei besitzt. Die Leerstelle, die der Künstler bewusst setzt, das Bild, das er bewusst unfertig lässt, um dem Betrachter Möglichkeiten zu eröffnen, die ihm so sonst nicht angeboten werden.

Dieser muss eine Transferleistung erbringen und mit eigener Imaginationskraft die Lücken füllen, Sehraum ist gleich Denkraum. Die Beleuchtung zeigt zum Teil extrem übersteuerte Helligkeit. Bald entlarvend und mit grellem Licht die Szenarien in eine kühle, in eine coole Atmosphäre versetzend, zeigt Schroeder Gewalt, beklemmende zwischenmenschliche Situationen und gewissermaßen den Verlust der Individualität.

Schroeder vermag es durch seine virtuose Malerei uns anders sehen zu lassen – wenn wir dies wollen.

Barbara Leicht M.A., Kunsthistorikerin