21.05.2021

Preisträger: Playground Art Prize 2021

Leyla Yenirce, Umut Azad Akkel, Aslı Özdemir

Zuerst einmal wollen wir uns für eine wunderbare Zusammenarbeit mit unseren diesjährigen Jurymitgliedern bedanken:

Kathrin Becker (KINDL Berlin),

Linda Conze (Kunstpalast Düsseldorf),

Dr. Marcus Andrew Hurttig (MdbK Leipzig),

Christina Lehnert (Portikus Frankfurt)

und Prof. Dr. Alfred Weidinger (OÖ Landesmuseum Linz)

Sie haben dieses Jahr in mehreren Zoommeetings unsere drei Preisträger*innen des diesjährigen Playground Art Prizes festgestellt, die wir Ihnen im Folgenden gerne vorstellen.

Platz 1: Leyla Yenirce (Hochschule für Bildende Künste, Hamburg)

Bild: Mathias Riis Andersen

Leyla Yenirce (*1992) studiert an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg zeitbezogene Medien und Malerei bei Simon Denny und Jutta Koether. Ihre Produktivität ist explorativ; sie arbeitet als Kulturtheoretikerin und Filmemacherin, Musikerin, Performerin und Installationskünstlerin. Ihre Kunst will nicht ohne Zweck auskommen, aber dieser steht nicht fest, sondern ist zentraler Gegenstand der Auseinandersetzung. Leyla Yenirce ist eine Êzîdin, deren Familie in der deutschen Diaspora in Oldenburg lebt. Diese Tatsache bedingt das Verständnis zu ihren Sujets. Yenirce betreibt mit ihrer Kunst keine eindeutige Identitätspolitik, sondern eine Anthropologie der Verantw­­ortung, die unser aller Bedingtheit anerkennt und damit umgeht: Niemand wurde gefragt, ob und wenn ja, in welche Welt er oder sie geboren werden wollte. Diese Grundannahme zeigt sich auch darin, dass ihre Arbeiten nie nur der Selbstreflexion dienen. Yenirce findet stattdessen ihre eigene Stimme in den komplexen Resonanzräumen, die sie selbst eröffnet: Sie arbeitet in Kollaborationen/Kollektiven oder mit Foundfootage, also im Dialog. Sie (ver-)sammelt und (re-)agiert. Und so entfaltet sich durch die Werke hindurch eine „zeitgenössische Ästhetik, die mit vielfältigen digitalen, filmischen und inszenatorischen Techniken arbeitet“ (aus der Jurybegründung zur Vergabe des Karl H. Ditze Preis). Diese Techniken ermöglichen Yenirce zu vereinen, was sich viel zu oft als Gegensatz ausschloss: Feminismus und Krieg, Popkultur und Genozid, Begehren, Sehnsucht und Ironie.

Ihre Arbeit SOMEWHERE ELSE beschäftigt sich mit der emotionalen Sprache der Bilder von kurdischen Märtyrerinnen und Freiheitskämpferinnen. Die Bildséance zeigt den schmalen Grat zwischen verklärender Mythologie und widerständiger Emanzipation.

Leyla Yenirce, SOMEWHERE ELSE

In der Video- und Bildinstallation HALL OF FAME setzt sich Leyla Yenirce kritisch mit der Heroisierung von Märtyrer*innen- Bildern auseinander. Die Darstellung kurdischer Frauen und Männer, die im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat gefallen sind, wird im Krieg besondere Bedeutung zugeschrieben, da sie die Gefallenen über ihre irdische Existenz hinaus zu Held*innen avanciert. 

Leyla Yenirce, HALL OF FAME

Platz 2: Umut Azad Akkel (Universität der Künste, Berlin)

Bild: Ilyas Hayta, Daire Artist in Residency Program

Umut Azad Akkel, 1991 in Izmir geboren, studierte 2010-2015 in Istanbul Produktdesign, seit 2016 studiert er Bildende Kunst in der Klasse von Prof. Ina Weber an der UdK Berlin. Inseiner Kunst beschäftigt er sich mit öffentlichen und urbanen Räumen, urbaner Transformation und der Beziehung zwischen Städten und ihren Bewohner*innen.

Akkel thematisiert (migrantischer-) Identitäten, er arbeitet mit vielen Materialien und Medien, seine konzeptuellen Arbeiten schließen den Gedankenbogen zwischen Material und Konzept.  Dabei kombiniert er u.a. Objekte, Skulpturen, Zeichnungen, Texte mit Videoarbeiten. Ein weiterer und wichtiger Teil seines künstlerischen Werks sind die von ihm iniziierten Symposien „Iran 101“, über zeitgenössische Kunst im Iran, und „Fava Connection“, einem Symposium über die kulturell-historischen Beziehungen von Menschen aus Griechenland und der Türkei. Akkel ist Gründungsmitglied der I.D.A.-Initiative an der UdK Berlin, die sich mit Fragen rund um Intersektionalität, Diversität und Antidiskriminierung beschäftigt, er arbeitet als Mentor beim Interkulturellen Mentoring Programm der UdK Berlin. Vor allem für sein interkulturelles und soziales Engagement erhielt er den DAAD-Preis 2020. 

In der Arbeit I Could not Find Something to Show hinterfragt Akkel Authentizitäten der eigenen Selbstbeschreibung, -verwirklichung und -darstellung im sozialen und identitätspolitischen Umfeld, thematisiert eigene existenzielle Krisen in Zusammenhang mit sozialen Erwartungen, aufgedrückten Identitäts-Labels und einem Selbstausdruck, indem er eigene Erfahrungen und Dynamiken betrachtet. Die Arbeit ist geprägt von persönlichen Erfahrungen und dem Gefühl des Verlorengehens, das sich nach seiner Immigration von Istanbul nach Berlin einstellte. In dieser Arbeit schafft er einen Raum, der zum Austausch und Nachdenken einlädt, Fragen und Antworten auf gesellschaftliche Erwartungen visualisiert und erlebt werden.

Umut Azad Akkel, I Could not Find Something to Show

Das Projekt Relotion,eine Wortschöpfung aus den Begriffen Revolution, Lösung und Beziehung,besteht aus einer im Loop gezeigten Videoperformance, einem Objekt und einem Flyer. Inhaltlich hinterfragt Akkel hier die Begriffe Revolution und Progressivismus. In der Arbeit imitiert er den rückwärtsgewandten Prozess aktueller und historischer, sowie gesellschaftlicher Umwälzungen und spielt mit den Techniken der Reproduktion. Beton härtet erst nach 30 Tagen vollständig aus. In der zugehörigen Videoperformance bearbeitet Akkel den Beton 48 Stunden nach dem Aushärtungsprozess. So performt das Material gemeinsam mit ihm und widersteht, indem es sich verhärtet. Ein Flyer animiert, die Arbeit selbst zu reproduzieren und den Prozess nachzuahmen.

Umut Azad Akkel, Relotion

Platz 3: Aslı Özdemir (Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main)

Bild: Tatiana Vdovenko

Aslı Özdemir arbeitet mit unterschiedlichen Medien, so Performance, Installation und Fotografie. Innerhalb der letzten zwei Jahre liegt ihr Fokus vermehrt auf der Fotografie.

Durch das Medium der Fotografie möchte man sich einer vermeintlich-objektiven Wahrheit nähern, sie festhalten. Doch bleibt diese Wahrheit stets subjektiv, da sie nur aus einer bestimmten Perspektive abgebildet werden kann.
In ihren Arbeiten sucht sie nicht nach objektiven Wahrheiten, sondern möchte das Medium nutzen, um einen Raum zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu schaffen. Die Inspiration für ihre inszenierten Bilderwelten gewinnt sie aus autobiographischen Ereignissen. Die Fotografie bietet ihr eine Bühne, auf der sie eine „Unmöglichkeit“ abbilden kann, die einerseits ihren Kern aus der Wirklichkeit schöpft, andererseits ihr stetig widerspricht.

Der türkische Begriff „kızlık soyadı“, zu deutsch Mädchenname, wird verwendet, um den Namen einer Frau vor der Ehe zu bezeichnen, der als eine Art Synonym für die vergangene Jugend verwendet wird. Özdemir hinterfragt, inwieweit die Vergangenheit eines anderen Lebens die Gegenwart formt und inwieweit ich durch das subjektive Narrativ, das sie kreiert, in die Vergangenheit eingreift. Kinder sehen in ihren Müttern eine heroische Figur, diese Wahrnehmung wandelt sich ab einem bestimmten Alter. Besonders zwischen Müttern und Töchtern ist diese Veränderung sehr prägnant, da sich irgendwann nicht nur Mutter und Tochter gegenüberstehen, sondern zwei erwachsene Frauen, die sich in unterschiedlichen Lebenszyklen befinden. Ab einem bestimmten Alter beginnt die Tochter, Parallelen in ihrer eigenen Person und der Person der Mutter zu entdecken, sie als Frau wahrzunehmen, unbewusst Eigenschaften zu übernehmen oder Erfahrungen ähnlich zu erleben. Diese Situation thematisiert Özdemir in einer gleichnamigen, aus 12 Fotografien bestehenden, Installation.

Aslı Özdemir, Fotografie aus der Serie „Mädchenname“ (Die Wichtigkeit der Wunder)

Alles wird nach oben geschickt ist eine aus 15 Fotografien bestehende Installation. Auf den ersten Blick handelt es sich hierbei um eine Ansammlung von Haushaltsgegenständen, Kleidungsstücken, Schuhen, Lebensmitteln, Geschirr, Haaren und Schuhen in der Badewanne usw., sie vermitteln Unordnung und Vernachlässigung. Über allem schwebt ein Zustand der Abwesenheit, auch, weil keine Personen auftauchen. Hier zeigt sich Özdemir von dem traditionellen türkischen Trauerritual „taziye“ inspiriert. Die Familie empfängt in der ersten Woche nach einem Todesfall Kondolenzbesuche von Freunden und Verwandten. Es bildet sich eine Trauergemeinschaft, ein heterotopischer Ort, an dem die üblichen Regeln ausgehebelt sind und die Özdemir in ihren Stillleben aufgreift und inszeniert.

Aslı Özdemir, Fotografie aus der Serie „Alles wird nach oben geschickt“

Wir gratulieren den drei Gewinner*innen und bedanken uns bei allen Teilnehmenden!